Männersterben

Das ist kein typisches AUFATMEN- oder Leiterthema – dennoch beschäftigt es mich zunehmend…

In den vergangenen Monaten drängte sich ein Eindruck immer wieder auf: Die Männerwelt, wie ich sie als Jugendlicher noch kennen lernte, ist am Aussterben. Ich habe keine Söhne, sondern drei Töchter. Dennoch fällt mir auf: Am Aarauer Maienzug, DEM jährlichen Jugendanlass anfang Sommer in unserer Stadt, werden für den Stadtumzug den Jungs wie den Mädchen Blumenkränzchen auf den Kopf gebunden. Meine ich nur, oder sehe ich da in den Augen dieser Jungen tatsächlich, wie peinlich ihnen das ist? Als Kind jedenfalls wäre mir das höchst unangenehm gewesen.

Anschliessend gibt es Vorführungen in einer grossen Arena im Freien. Auch hier fällt mir auf: In der Unterstufe hat es praktisch nur Lehrerinnen. Was haben sie mit ihren Kindern für diesen Moment, an dem die halbe Stadt zuschaut, eingeübt? Brave Tänzchen in schwingenden Kleidchen. Und wieder meine ich Jungs zu sehen, die still leiden.

Letzthin bei uns zuhause: Unsere Girls wollen “Germany’s Next Topmodel” schauen. Mit dabei einer ihrer Freunde, 18 Jahre alt. Er gesteht freimütig: “Das schau ich jedes Mal…” Wieder bin ich irritiert. Junge Männer, die diese endlosen Diskussionen um Schminke und Röckchen toll finden?

Da sagt mir meine Frau vor kurzem: “Weisst du, was mir auffällt? Es gibt kaum mehr bekannte Sänger mit richtigen tiefen Männerstimmen.” Wir achten beim Radio hören bewusst darauf. Stimmt. Die Stimmlagen der heutigen Stars sind hoch. Beinahe Enuchenstimmen.  Hat sich da der Geschmack der Fangemeinden verändert? Ich, der ich vorwiegend Country höre, habe das noch nicht realisiert. Dort sind nämlich immer noch vorwiegend die rauhen Cowboy-Stimmen gefragt. Aber auch hier gibt es Ausnahmen.

Mein Eindruck: Nach der Emanzipatiion der Frauen entwickelt sich immer mehr eine “Efrauzipation” der Männer. Die Männermode wird weiblich. Das männliche Schönheitsideal gleicht sich dem weiblichen an. Das Freizeitverhalten der Männer gleicht sich dem der Frauen an. Ich kenne eine ganze Reihe junger Männer, die in ihrer Freizeit am liebsten shoppen – bei H&M. Nur am PC, dort spielen sie die harten Actionspiele.

Ich erinnere mich an meine Kindheit und Jugend: Wir haben einander immer wieder mal tüchtig verhauen. Haben gekämpft im nahen Wald – Bande gegen Bande. Sind blutend nach Hause gekommen. Durften mit Vaters Luftgewehr auf Vogeljagd. Klauten ihm das Flobert, weil das echte Patronen hatten. Sprangen vom Dach auf den Miststock und fühlten uns wie Fallschirmspringer. Bauten Karbid-Kanonen. Frisierten unsere Mofas. Und schauten heimlich schönen Mädchen nach, die ganz anders waren als wir. Genau das machte sie für uns so anziehend.

Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, dass es diese männlich ungestüme Welt im Leben junger Knaben und Männer kaum mehr gibt. Kein Wunder ändern sich die Dinge, wenn Kinder sich nicht mehr kloppen dürfen auf dem Schulhof und Eltern gleich in Panik geraten, wenn Jungs laut kreischend mit Spielzeugpistolen durchs Quartier rennen. Sofort fürchten sie die Verrohung ihrer Kinder. Doch was geschieht, wenn ein Junge das nicht mehr darf und dafür Mädchentänze einüben muss? Was geht ihm dabei verloren? Und: Holt er das vielleicht später auf eine Art und Weise nach, die dann wirklich besorgniserregend ist? Hat die zunehmende Jugendgewalt vielleicht auch damit zu tun, dass Jungs als Kind keine Jungs sein dürfen? Ich weiss es nicht, aber es macht mir insgesamt Sorgen.

Wenn Männer nicht mehr Männer sein können, dann können Frauen nicht mehr Frauen sein. Dann sind die Geschlechter verunsichert – und damit die Identität einzelner Menschen.  Finde ich.

12 Kommentare zu “Männersterben”

  1. Sandra 2 März 2012 at 22:45 #

    so so lieber Thoma, du hast also noch mit Karbid hantiert! :) Lust, das mal wieder zu machen? Mein Mann wäre sicher mit dabei…… :) Er ist auch Experte im Wespennest sprengen und dergleichen :)

    liebe Grüsse Sandra

  2. Hannes 12 Juli 2011 at 16:12 #

    …und wie steht es mit unseren Gottesdiensten?! Haben die nicht auch die Tendenz, v.a. “weibliche Bedürfnisse” zu bedienen? Offenbar sind Männer tendenziell gerne dann zur Stelle, wenn sie konkret Hand anlegen können (die Wurst auf dem Grill wenden, die störende Wand wegschaffen, die Verstärkeranlage fürs Konzert aufstellen). Wenn diese Sonderanlässe vorbei sind, ziehen sie sich auf ihre Motorräder und hinters Bier zurück. Und tragischerweise gelten solche Einsätze nicht als geistliche Dienste, denn das wirklich Geistliche findet in der stillen Kammer, mit verschlossenen Augen und gefalteten Händen statt. …alles recht “östrogenlastig”, wie ein Freund einmal bedauerte.

  3. Steri 10 Juli 2011 at 14:32 #

    Die Politik – und zunehmend auch die Gesellschaft – sagt “Gleichberechtigung”, betreibt jedoch “Gleichmacherei”. Auch die Forderung nach Frauenquoten trägt dazu bei. Traditionelle Frauen- und Männerrollen werden in Frage gestellt – was teilweise auch sicherlich ab und zu berechtigt ist. Das und Ähnliches führt zu einer Verunsicherung des Mannes. Aber: Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Frau und Mann sind als Ergänzung gedacht. Eine Gesellschaft, die das in Frage stellt, darf sich nicht wundern, wenn Frauen männlicher (härter) werden und Männer weiblicher (weichlicher).

  4. Bine84 6 Juni 2011 at 17:00 #

    Sehr interessantes Thema und gut beobachtet :)

    Ich denke, dass hängt auch damit zusammen, dass Jungen keine richtigen Väter mehr haben, die ihnen Vorbild sind, auch eben darin, wie man(n) ein Mann ist. Hinzu kommt, dass es keine richtigen Familien mehr gibt, und viele Mütter ihre Kinder alleine großziehen, da passt sich das Kind (vielleicht) an.

    Das sind meine Gedanken dazu. Wie sehen das andere? Sabine

  5. liselotte 10 Mai 2011 at 11:11 #

    Zum Lesen sehr zu empfehlen zu dieser Thematik ist folgendes Buch “Wie verschieden sind sie ” ,Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen von der Neurobiologin Lise Elliot

  6. thaerry 9 Mai 2011 at 14:56 #

    Ich komme gerade von einer Tagung auf dem Dünenhof in Cuxhaven zurück und lese eure Kommentare. Danke herzlich für diese inspirierenden und ergänzenden Gedanken, die ich mich mit Gewinn genossen habe!

    Mir wurde im weiteren Nachdenken über dieses Thema noch mal wichtig, Menschen insgesamt zu ermutigen, zu ihrer weiblichen bzw. männlichen Identität zu verstehen – und freier zu werden von den Rollenbildern, die ihnen insbesondere die Freizeit- und Unterhaltungsindustrie vorgeben. Die innere Freiheit und Gelassenheit, der abenteuerlustige, oder der nachdenkliche, der stille, oder der kämpferische, vielleicht auch der analytische oder der sensible Mann zu sein – halt so, wie ich von Gott her gestrickt bin – ist der beste Beitrag im Blick auf diese Verunsicherung bezüglich männlicher (oder weiblicher) Identität. Das hilft unseren Kindern und anderen jungen Menschen, die uns beobachten (das tun sie mehr als wir denken) wahrscheinlich am meisten.
    Selber war ich übrigens – und bin es bis heute – vielleicht beeinflusst durch meine Kindheit auf dem Land und auf dem Bauernhof zwar einerseits ein Rohbein. Gleichzeitig liebte ich Bücher, erlebte mich als vergleichsweise sensibel und war (bin) eher ein schmales Hemd als ein Athlet. Ich hatte viel Freiheit, beides zu leben – das harte und das weiche und ich habe mich fröhlich zwischen beidem hin und her bewegt und tue es bis heute…. Herzlich, Thomas

    • shasta-cor 10 Mai 2011 at 13:00 #

      Hi tomas,
      es tut mal einen Ort zu haben, wo man mit seinen sagen wir mal tieferen Gedanken nicht aneckt.

      Ja, dieses sowohl als auch (in anderen Bereichen) kenne ich auch. Deshalb danke für dein Feedback, es ist etwas besonderes mehrdimensional sein zu dürfen.

      Nebenbei: kennst du Elephant Princess – die Rettung von Mandschipoor (?). Ist zwar eigentlich ne Teenie Serie aber sie behandelt auf sehr schöne Weise dieses Leben in verschieden Welten.

  7. shasta-cor 8 Mai 2011 at 13:16 #

    Heute war mein erster Gottesdienst loser Sonntag – Kinder zum KiGo gebracht und mich dann mit John Eldredge der ungezähmte Christ auf die Bank gesetzt. Später hatte ich dann noch Büchertischdienst. Achterbahn der Gefühle.

    Seit Monaten höre ich Predigten zum Thema Beziehungsfähigkeit – immer wieder neu unter der MEßlatte, daß MANN lernen müsse sich seinen Gefühlen zu stellen. Nur dummerweise bin ich ein Bauch-Mensch – intuitiv begabt und mit einer “verkopften” Frau verheiratet – deren Intellektualität ich in den vergangen Monaten und Jahren (nach der Behebung einiger Mißverständnisse und auch kultureller Unterschiede) ganz neu schätzen lernte. Es zeigt mir, daß derart zuspitzende einseitige Predigten bei bestimmten Leuten nach hinten losgehen.

    Spätestens seitdem frage ich mich, ob das mit dem
    Mann und Frau angleichen wirklich so gut ist. Gestrige Diskussion zum Thema: meine Frau meint, ob all das Gerede von Gleichberechtigung der Romantik den Todesstoss versetzt habe (Hintergrund: wenn beide Geschlechter komplett (!) gleich sind, warum soll man dann galante Rücksichtnahme üben. Übrigens eine Spannung in der ich seit der Teenie Zeit lebe: Gleichberechtigung ja, aber gleichzeitig Besserbehandlung !? Mittlerweile beginne ich mich zu fragen, ob meine Frau recht haben könnte.

    Nur was wäre die Folge davon? Hat hier jemand weiterführende Gedanken?

    Das sind meine Gedanken zum Thema “verlorene Identität”.

  8. Dorothee 7 Mai 2011 at 11:27 #

    Mir drängt sich ein “ja, aber” auf. Ja, es fehlt an den Schulen eine Pädagogik für Jungs; ja, es findet eine Verweiblichung in der Mode statt; ja, der sogenannte Softie ist in der öffentlichen Meinung beliebter als der Macho…
    Aber, es gab schon immer verschiedene Typen Männer und ich wehre mich entschieden dagegen, den Draufgänger als den erstrebenswertesten unter ihnen anzusehen.
    Einer unsrer Söhne hatte es schwer in der Schule, weil er als intellektueller Typ selbständig und kritisch dachte(und eine “Sauklaue” hatte), aber auch eine unsrer Töchter tut sich vor allem durch analytisches Denken hervor und litt in der Schule darunter, viele Dinge auswendig lernen zu sollen – aber sie hatte den Mädchenbonus! Ich habe noch zwei andere Kinder (Junge+ Mädchen)großgezogen, die bis zur Pubertät alles gemeinsam taten: spielen und sich kloppen, dann aber jeweils ihrer Wege gingen, sie mehr alberner Backfisch, er Budenbauer. Es gibt also sogar in einer Familie alles: den vorsichtigen Jungen, das intellektuelle Mädchen, den Träumer, die Mutige usw.
    Und zur Mode: schaut euch mal die Männermode des 17. Jahrhunderts an – Pluderhosen, Seidenstrümfpe und Spangenschuhe, puh!
    Trotzdem, ich weiss, wenn man sich ein bisschen mit der Gender-Thematik beschäftigt, kann einen das Grausen befallen. Was uns bleibt? In unseren Familien gute Vorbilder zu leben, an denen unsre Kinder eine gesunde männliche,resp. weibliche Identität erlernen können. Und das gilt auch für den Vater dreier Töchter ;-) Sie werden bei dir, Thomas, lernen, das ein Mann Verantwortung übernimmt, zu seinem Wort steht und sich für das Wohl der seinen einsetzt – egal, ob mit Countrymusik oder Klassik im Hintergrund!
    Mein Vater war ein vielseitig interessierter, eher stiller Mann, dem die Kriegserlebnisse wohl die Abenteuerlust gänzlich genommen hatten. Die Übernahme des väterlichen Betriebes war Pflicht gewesen, nicht Wunsch. Er hat mir das Bild des treuen Haushalters vermittelt, für mich gleichbedeutend mit Männlichkeit. Dafür bin ich dankbar.

  9. Charly 6 Mai 2011 at 14:11 #

    Ein guter Beitrag, danke.
    Ich sehe ähnliches und mache mir meine Gedanken dazu.
    Ich sehe mir dabei auch die chr. Männerarbeit hier und dort an. Erstaunt stelle ich dabei fest, dass dort nicht selten der Mann ebenso in Schubladen gesteckt wird -egal ob es passt oder nicht. So muss man sich dort regelmäßig anhören oder lesen, dass ja anscheinend so gut wie jeder chr. Mann per se seiner Frau fremd geht und wohl 23h und 45Min am Tag an nichts anderes denkt wie Sex.
    Demzufolge müsste ich kein Mann sein – obwohl ein Blick in den Spiegel und eine Anfrage bei meiner Frau immer wieder ergeben, dass ich einer sei.

    Überhaupt ergeht es mir bei den Thematiken und Aktionen so mancher chr. Männerarbeit so, dass ich mich darin nicht wiederfinde. Ob das daran liegen könnte, dass ich schon länger nicht mehr 23 bin und weder Fußball spielen, Motorräder frisieren, keine eigenen Kinder für ein “Vater-Kind-Wochenende” habe, noch mir mein Gehör bei Rockkonzerten kaputt machen lassen will?

    Mir scheint, der Einschnitt in der männlichen Identität in unserer Gesellschaft ist weit tiefer als es uns im Moment bewusst ist.

  10. pastorale 5 Mai 2011 at 11:49 #

    Deine Beobachtung wird durch die verschiedenen Veröffentlichungen zu dieser Veränderung bei der Adoleszenz der Männer bestätigt. Bei einem unserer Söhne (wir haben 3 Söhne und 1 Tochter) erlebe ich eine “vorbildliche” männliche Sozialisation – mit Motorradgruppe von 12 Jungs, die sich einen Wohnwagen restaurieren, im Heu sich kloppen, einen Paintball Wettkampf zelebrieren, und unkompliziert Mädchen in ihre Gruppe integrieren, also nicht zu Machos mutieren.
    Keine Selbstverständlichkeit in der von dir richtig beschriebenen veränderten Realität.

    Vor kurzem haben wir uns in unserem Männerkreis der Frage gestellt, warum wir als Gemeinde eher Frauen als Männer ansprechen…

  11. Antje Rein 4 Mai 2011 at 18:51 #

    Allerdings bin ich mir auch nicht so ganz sicher, woher dieses Männerbild von den “harten Kerlen” kommt. Schau ich in die Bibel, dann entdecke ich durchaus ganz unterschiedliche Männertypen – da gibt es den David, der die Sensibilität besitzt, König Saul mit der genau richtigen Musik aufzuheitern. Ich finde den Nikodemus, der scheinbar nachts wichtigen Fragen nachgrübelt, durchaus sehr tiefsinnig. Da ist Jakob, der als Liebling seiner Mutter beschrieben wird und das genaue Gegenteil vom rauhbeinigen Esau gewesen sein muss. Männer in der griechischen Antike gingen in Bäder und achteten auf äußere Schönheit, Männer im Mittelalter dichteten Minnegesänge und standen lautesingend auf den Marktplätzen.
    Nur ein paar kleine Beispiele… und das alles und noch viel mehr waren/sind Männer… Ich find`s toll, dass die Vielfalt da ist und nicht jeder tanzende Grundschüler muss sich dazu zwangsverpflichet fühlen – der eine oder andere macht es vielleicht richtig gerne (mal von den Blumenkränzchen abgesehen ;-)….

    Antje Rein, mit einem sehr vielfältig aufgestellten und sowohl musisch als auch kämpferisch begabten Mann verheiratet


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