Der Musterdeutsche – eine neue Begegnung

Die letzten beiden Tage habe ich in Berlin verbracht. Als SCM-Leitungsteam hatten wir unsere Sitzung dorthin verlegt, weil wir parallel die Pressekonferenz des amerikanischen Buchautors Eric Metaxas und seinen Vortrag über Bonhoeffer dort begleitet haben. Eric Metaxas: Schmächtiger, energiegeladener Mann in den 40ern, Sohne einer deutschen Mutter und eines Griechen, die sich 1954 in den USA als Einwanderer im Englischkurs trafen. Intellektueller mit schräg-trockenem Humor (… etwas, das die Anwesenden in einem Vortrag über Bonhoeffer völlig verblüffte). Spannend für alle, was für Konturen Bonhoeffer in den Augen eines nachgeborenen Amerikaners bekommen würde. Antwort: Metaxas hat einen völlig unbefangenen Blick und entdeckt Bonhoeffer für eine Generation neu, die Kriegszusammenhänge und das, was vor 40 Jahren noch jeder wusste, neu zu einem spannenden Bild eines Christen zusammenfasst, der vorbildfähig ist und den gerade die jungen Deutschen wieder entdecken müssen. Er habe wieder gegeben, was er in seinem über einjährigen Quellenstudium und aus den Besuchen bei Eberhard Bethges Witwe (Bethge als bester Freund Bonhoeffers schrieb die bis heute maßgebende 1100 Seiten-Biografie) und der älteren Schwester von Bonhoeffers Verlobter Maria von Wedemeyer erfahren habe: Ein Bonhoeffer-Bild, das sich weniger mit nachträglichen Deutungen und Inanspruchnahmen von deutscher Theologie befassen muss (“Nein, Bonhoeffer war kein Liberaler und er hat am Ende auch nichts von seinem konsequenten Glauben verloren …”). Ein Buch, das eben 40 Jahre jünger ist, viele neue Forschungsergebnisse einbringen kann, neues Material gesichtet hat. Für Metaxas steht Bonhoeffer da als ein absoluter Held des Glaubens, den es dringend in der jungen Generation wieder zu entdecken gilt. Einer, der wirklich tat, was er sagte – einer, der die Kirche dazu aufgerufen hat, unter allen Umständen und contra zu jedem Zeitgeist vor allem Kirche Jesu zu sein. Und Bonhoeffer steht für ihn als das Musterbeispiel jenes anderen Deutschen, der ein wirklicher Held sei, dem man nacheifern und auf den man stolz sein könne. Und den die Amerikaner durch die gut lesbare, spannende und mit 700 Seiten gut verdauliche Biografie auch als völlig anderes Bild eines Deutschen entdeckt haben: Intellektueller mit außergewöhnlicher Tatkraft und Konsequenz, Christ mit enormer Ausstrahlung und Vorbildkraft – ein Bild aus Nazi-Deutschland, das so gar nicht in die üblichen Kriegsfilm-Klisches über Deutschland passt, die dort die Kinos beherrschen. Kein Wunder, dass Metaxas Bonhoeffer-Buch dort schon mehr als 300.000 mal verkauft wurde und gerade Platz 1 der New York Times Bestsellerliste erreicht hat.
Als der CDU-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder (ein erwiesener Bonhoeffer-Liebhaber) dann in der Französischen Kirche am Gendarmenmarkt Metaxas Buch vorstellte, war das auch für ihn der Grundton: Dankbarkeit und Anerkennung für einen Amerikaner mit deutschlen Wurzeln, der Bonhoeffer zum dritten Mal aus den USA nach Deutschland zurück gebracht hat und ein neues Bild ermöglicht (Bonhoeffer war 1930 und 1939 zweimal in den USA gewesen, hatte dort in den Farbigengemeinden eine neue Qualität von Glauben kennen gelernt und entschloss sich trotz des drohenden Krieges nach Deutschland zurück zu kehren). Erix Metaxas hat in den USA so viel Begeisterung ausgelöst, dass Bill Hybels, der sein Bonhoeffer-Buch mit großem Interesse gelesen hat, ihn spontan zum nächsten Willow-Creek-Kongress Ende Januar nach Stuttgart eingeladen hat. Motto: Das müssen die Deutschen hören! Er wird dort ein einstündiges Interview mit Metaxas machen – zwei Amerikaner, die so begeistert von einem Muster-Deutschen sind, dass sie uns dringend überzeugen wollen, sich neu mit ihm zu beschäftigen …

Autor Eric Metaxas, Frieder Trommer, CDU-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder

Eric Metaxas trifft Bonhoeffer-Liebhaber Volker Kauder

3 Kommentare zu “Der Musterdeutsche – eine neue Begegnung”

  1. Thomas Hofer 16 Oktober 2011 at 01:32 #

    Als Oesterreich-Deutscher, der seit 1965 in den USA lebt, erlaube ich mir, hier einiges hinzuzufuegen. Bonhoeffer war mir seit meiner Jugendzeit in Deutschland bekannot, so wie die anderen Widerstandskaempfer, z. B. die Geschwister Scholl und Alfred Delp SJ. Zwei Jahre nack meiner Ankunft in den USA begann ich mein Studium in einem College im tiefen Sueden der USA und traf dort Rassisten, die mich wegen meiner Herkunft wiederholt mit Hitler gleichsetzten wollten. Ich lehnte diese Overtueren strikt ab. Dann traf ich die Frau eines Episkopal-Pfarrers, und als ich ihr sagte, ich waere ein Deutscher, fragte sie mich sofort, was ich von Bonhoeffer wuesste. ich legte sofort los, indem ich erst einmal Bonhoeffer beschreib, dann aber auch die anderen Widerstandkaempfer. Spaeter erfuhr ich, dass viele protestantische Geistliche hier in den USA im Seminar die Buecher und Schriften Bonhoeffers gelesen haben. Ich bin jetzt Mitglied der Episkopalkirche, und meine Ausgabe des Buches von Metaxas erhielt ich als Geschenk von der Gemeinde, der ich jetzt angehoere. Und ich empfehle dieses Buch sehr.

  2. Martin Schramm 30 September 2011 at 17:05 #

    Das neue Interesse für Bonhoeffer kommt zur richtigen Zeit. Wo Begeisterung nachlässt und Tiefe fehlt, kann Bonhoeffer mit seiner Leidenschaft und Konsequenz neue Anstöße geben.
    Das “Graben” in seinen Texten und seinem Leben “lohnt” sich.

  3. Jürgen 21 September 2011 at 13:49 #

    Schade – kann ihm bei der Lesung heute in Witten nicht begegnen – bin verhindert…


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