Ein Tag mit Gordon

Die letzten Tage und Wochen war ich öfter unterwegs. Referate, Unterricht, Redaktionsklausur in Norddeutschland (inkl. verpasstem Flug, weil ich mich in der Zeit versehen hatte) und zwei Lesungen.

Ich geniesse deshalb den heutigen Tag besonders: Ich verbringe einen ruhigen Tag in meinem Büro mit Gordon MacDonald. Nun, Gordon sitzt nicht neben mir, ich übersetze nur gerade einen seiner Artikel für die nächste Ausgabe von AUFATMEN. Sein Thema: Wie wird Gemeinde zu einem Ort, der Menschen mit Tiefgang hervorbringt?

Eine kleine Kostprobe:

Ich bin der Überzeugung, dass Menschen mit Tiefgang der grösste Schatz einer Kirche sind. In den jüngeren Vergangenheit haben Kirchen sich besonders um Suchende, um junge Menschen und Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten gekümmert. Ja, gesunde Gemeinden tun das. Fehlt einer solchen Kirchen aber ein fester Grundbestand an Menschen mit echtem Tiefgang im Glauben, dann hat sie ein Problem. Menschen, die aus der Tiefe leben entstehen nicht zufällig – sie werden absichtsvoll herangezogen.

Wenn das wahr ist, dann ergibt sich daraus das der folgende Grundsatz: Ein grosser Anteil der Menschen in einer Gemeinde, die aus der Tiefe heraus leben, sollten Ehrenamtliche sein. Normale Gemeindeglieder, deren Alltag die Geschäftswelt, die Schule oder ein handwerklicher Betrieb ist.
Gemeindeleitende sollten wissen, welches die Personen in ihrer Gemeinde sind, die Tiefgang haben. Und sie sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie ihren Leitungsdienst so gestalten können, dass zu einer ihrer höchsten Priorität das kontinuierliche Hervorbringen von Menschen mit Tiefgang aus jeder Altersstufe gehört. Kirchen sollten ernsthaft erwägen, dieses Anliegen zur Kernaufgabe ihrer leitenden Pfarrperson zu machen.

Gibt es solche Bemühungen in Ihrer Kirche?

Was denken Sie darüber?

Was hilft Ihnen selber, Tiefgang zu finden?

Ihre Antwort interessiert mich.

7 Kommentare zu “Ein Tag mit Gordon”

  1. Gwenhwyr 7 Dezember 2011 at 12:55 #

    > Was hilft Ihnen selber, Tiefgang zu finden?
    Ich habe in diesem Jahr in einem recht kurzen Abstand zwei mal ein Bergwerk besucht, es ist seit 700 Jahren im Betrieb. 30 km Wege, 3000 Kammern – ein fast unüberschaubares Labyrinth unter Tage. Ich habe nur einen kleinen Ausschnitt davon gesehen. Warum schreibe ich das? Sie fragen nach Tiefgang, ich möchte erst mal den Tiefgang im wörtlichen Sinne betrachten. Was braucht man dort? Vor allem: gute Kondition, eine Lampe, passende Kleidung, Proviant und eine zuverlässige Gruppe samt Reiseführer, der sich auskennt. Soweit das Äußerliche. Aber man braucht auch eine bestimmte Haltung. Die Bereitschaft sich auf unbekanntes und ggf. unheimliches einzulassen ist die Voraussetzung. Man muss aufmerksam sein und benötigt dafür alle Sinne. Man muss vorsichtig sein und gleichzeitig es wagen immer weiter zu gehen. Man muss bereit sein Hilfe zu leisten und anzunehmen. Man muss willens sein, die Welt da unten auf sich wirken zu lassen, denn sie ist anders als das, was wir über Tage kennen.
    Ich denke, dass sich dieses durchaus auf den “Tiefgang im Glauben” übertragen ließe.

  2. shasta-cor 27 November 2011 at 22:32 #

    Gutes, interessantes Thema. In Erweiterung des oben geschriebenen fällt mir noch ein, daß der Begriff im Deutschen eine schöne Doppelbedeutung hat. Und wir brauchen beide: Gläubige, deren Glauben Tiefgang hat und Gläubige, die auch intellektuellen Tiefgang besitzen. Es gibt in Polen einen bekannten Priester Jozef Tischner, der sich in einem Buch mit einem Journalisten über den “neuen” katholischen Katechismus im Vergleich zum alten unterhält. Ich kann daran Anteil haben, weil meine Frau mir das Buch kapitelweise übersetzt – und es ist sehr spannend zu welchen Erkenntnissen diese beiden Männer kommen. Auch das ist für mich Glaube mit Tiefgang.

    • thaerry 28 November 2011 at 17:25 #

      Danke für diesen Hinweis. Ich glaube, dass das letztlich zusammengehört: Menschen, die aus der Tiefe leben, sind kluge, weise Menschen – im Sinne der Bibel. Intellektuelle Leistung ist kein Erkenntnisschlüssel, aber Gott erkennen ist der Anfang von Weisheit – von Lebenfähigkeit und Lebenskompetenz. Tiefgang und Torheit schliessen sich aus.
      Was mich aber noch interessieren würde: Wie verhelfen wir Menschen dazu? Wie finden wir es für uns selbst?

      • shasta-cor 30 November 2011 at 22:30 #

        Hallo Thaerry,

        wie verhelfen wir Menschen dazu?
        Das ist ein langer und teilweise auch ein schwerer Weg. Weg von den schnellen Antworten, hin zu dem Aushalten von Spannungen.

        Nachforschen, was der historische Kontext von Bibelversen ist. Überlegen, ob die eigene Situation dem aktuellen Rat*schlag* angemessen ist oder ob er ihm zuwiderläuft.

        Es ist der Mut zur Verantwortung. Mut eigene Entscheidungen zu treffen, denn niemand kann mein Leben für mich leben – und dennoch den Mut zu haben sich Rat von anderen zu holen. Dabei immer den gesunden Menschenverstand angeschaltet lassen.

        Nein, einfache Lösungen gibt es dazu leider nicht. Leider? Zum Glück könnte auch passen.

        Meine Frau und ich haben uns vor etlichen Monaten auf diesen Weg gemacht, als wir merkten, daß die Empfehlungen aus unserer Gemeinde auf unseren Alltag nicht passte, einfach weil der eigenen Standpunkt nicht lokalisiert wurde.

        bringt das weiter?

        • thaerry 1 Dezember 2011 at 10:41 #

          Danke, shasta-cor, das ist hilfreich und interessant. Die von dir genannten Ansätze gefallen mir und ich teile sie.
          Nun würde mich nur noch interessieren, was denn die Ansätze / Empfehlungen deiner Gemeinde waren…
          Herzlich, Th.H.

          • shasta-cor 8 Dezember 2011 at 19:11 #

            @Nun würde mich nur noch interessieren, was denn die Ansätze / Empfehlungen deiner Gemeinde waren…

            Es freut mich, daß du nachfragst. Schon das ist einer der Unterschiede – in der Gemeinde fehlte leider (das Interesse für) die Standortbestimmung. Und wenn der Ansatz lautet: du musst über deine Gefühle, das was dich begeistert, reden aber die Definitionsmenge auf emotionale Begeisterung reduziert wird, dann vergleiche ich dies damit, daß man zu einer ordentlichen Routenplanung erstmal den Standpunkt bestimmen muß, damit man weiß ob der Weg nach Basel gen Norden oder gen Süden liegt (je nachdem ob du gerade in Bern oder in Stuttgart bist).

            Mich fasziniert z.B. die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Bibel – ich bin freikirchlich aufgewachsen und empfand es in der Jugendzeit als eine unschöne Spannung, daß ich einerseits (Gemeinde) “glauben” sollte und andererseits (Schule) zum kritischen Denken erzogen wurde. Ich empfand es lange so, als ob Glaube und Intelligenz sich ausschlössen – das hat mich als gerne denkendem, hinterfragenden Menschen traurig gemacht.

            Als ich einmal an einem Männer Alphakurs teilnahm war ich fasziniert über den Themenabend zum Thema Glaubwürdigkeit der Bibel und sagte danach dem Pfarrer, daß ich das Thema am liebsten auf drei Abende gestreckt hätte. Er entgegnete, er hätte es schon doppelt so lang wie im Skript gemacht…

            Dieses den Dingen auf den Grund gehen half uns als Ehepaar, als wir entdeckten, daß die Standard Ehetipps (5 Sprachen der Liebe, etc.) bei uns irgendwie nicht fruchteten. Es war als ob der eine in der Celsius und der andere in der Fahrenheit Welt lebte. Wir mussten erst mal Formeln entwickeln, damit wir uns über die Gradzahl austauschen konnten. Denn wenn bei uns bei 100° das Wasser kocht, dann denkt der Ami an leicht erhöhte Temperatur (100°F = 37,8°C).

            Da, wo dem einen emotional noch zu kalt war, um sich zu öffnen war es für den anderen genau richtig. Dort wo der andere sich öffnen wollte, war es dem anderen wie in der Sauna. nur daß es hier nicht um Temperaturen ging, sondern um die Frage, wie man

            Da halfen die monokulturellen Hilfen nicht, insbesondere weil bestimmte Beziehungs- und Kommunikationstipps eher auf (extrovertiert) beziehungsorientierte Menschen ausgelegt sind. Wir lernten, daß es aber auch anderen Menschen Beziehungen nicht gleich unwichtig sind, nur weil sie ihre Gefühle nicht offen auf dem Silbertablett herumtragen.

            Weitere Rückfragen gerne auch per Mail – hier muß ich dann doch sehr allgemein bleiben.

            Gruß s-c

  3. Martin Schramm 25 November 2011 at 11:21 #

    Ja, Menschen mit Tiefgang sind das “Salz in der Gemeindesuppe”. Aber es sind wenige.

    Menschen mit Tiefgang drehen sich nicht um sich selber.
    Menschen mit Tiefgang haben Freude, sich dienend einzugeben.
    Menschen mit Tiefgang erkennen in ihrem Leben Gottes Spuren und verstehen es weise darüber zu reden.
    Menschen mit Tiefgang sind einfach eine Freude.

    Weil Tiefe aus dem persönlichen “Angestoßen sein” entsteht, ist sie schwer zu vermitteln – schwer in Worte zu fassen. Tiefe wird tief innen erlebt und nicht an der Oberfläche – sie hat immer etwas Verborgenes. Das macht das Geheimnis der Tiefe aus.

    Ich habe im Sommer “Nachfolge” von Bonhoeffer gelesen (und seid dem noch einiges mehr von ihm). Da ist jemand mit seinem Denken und Leben in die Tiefe vorgedrungen. Und er versteht es, diese Tiefe in Worte zu fassen.

    Er nennt die Leute mit Tiefgang: Nachfolger. Nachfolger haben Tiefgang wenn sie die Nachfolge nicht billig leben, sondern teuer dazu durchbrechen müssen.

    Bonhoeffer hat es verstanden immer Menschen um sich zu sammeln mit denen er über Nachfolge mit Tiefgang gesprochen hat.

    Er hat sie gelehrt das Wort zu lieben und fragend zu lesen.

    Er hat sie gelehrt das Wort konsequent, teuer und tief zu leben.

    Neue Tiefe hat immer etwas mit neuer Freude und Erkenntnis über Gottes Wort zu tun (wenn ich mich recht erinnere fängt das Buch “Nachfolge” so an).

    Ich ringe selber mit mir, wie es gelingen kann, Menschen zu bewegen sich auf tiefe Gespräche über Nachfolge einzulassen (so wie Bonhoeffer es mit seinen Studenten auf der Insel Fanö und in den Seminaren in Finkenwalde gemacht hat).

    Ich glaube, dass Bonhoeffer eine sehr große Schatztruhe für Menschen mit Sehnsucht nach Tiefe ist. Bei ihm ist Reden, Schreiben und Leben eine ganz tiefe Einheit.

    Bonhoeffer war ein Mensch mit Tiefgang. Aber es gibt sie auch noch heute. Je mehr die Sehnsucht nach Tiefe bei einem selber ausgeprägt ist, desto besser erkennt man in seinem Umfeld die anderen Menschen mit Tiefgang.

    Es stimmt Menschen mit Tiefgang sind das Salz in der Gemeindesuppe. Aber man kann sie nicht machen. Wir können nur – so wie Bonhoeffer – die eigene Tiefe im Reden und Leben spiegeln und darauf vertrauen, dass Gott Anstöße zum Tiefenwachstum gibt.

    Herzlichst
    Martin Schramm


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