Zwei Thesen, warum wir nicht gut sind

Leitungskreis-Sitzung für Glaube am Montag, gestern in Kassel. Diskussion über die Arbeit und geistlicher Auftakt für die Initiative mit einem kleinen Gottesdienst. Dabei im Lauf des Tages (neben einem brennenden Weihnachtsgesteck in der Mittagpause …) heiße Diskussionen über die Ursachen, warum wir solch eine Initiative nötig haben. Dabei eine immer wieder komische Schwankungsbreite von Einschätzungen: “Naja, im Alltag glauben, das ist doch nichts Neues als Thema, darum ging es uns ja schon immer …” Sagen manche. Andere wehren das zwar nicht unbedingt ab, sprechen aber von einem notwendigen Paradigmenwechsel, vor dem wir stehen – und analysieren sehr scharf, dass wir es als Christen dringend nötig haben, mehr darüber nachzudenken, warum im Alltag oft so wenig von unserem Glauben zu entdecken ist. Tausend Thesen: “Weil wir das Normale nicht als geistlich ansehen – wir müssen das Normale geistlich adeln!” – “Weil wir einfach zu wenig aus Jesus heraus leben, in Beziehung mit ihm sind zu jeder Zeit!” – “Weil wir es gewohnt sind, im Alltag abzutauchen – Glaube hat eben nur was mit dem Sonntag zu tun bei uns!” Und so weiter – viele spannende Wege über Ursachen nachzuforschen.
Mitten darin dann aber auf einmal zwei große Strömungen, die sich abzeichnen in der Diskussion. These 1: Wir sind als Christen so blass, so wenig salzig im Alltag, weil wir es jahrzehntelang gelernt haben, uns bewusst von der Welt abzusondern. Wir gehören nicht dazu, wir sind fromm, wir halten uns raus – das stecke immer noch tief drin. Da sei jetzt gerade auch mit der neuen Initiative ein riesiger Paradigmenwechsel thematisiert: Nicht mehr raus, sondern rein in die Welt! Glaube am Montag als eine Mitmach-Bewegung, als Einladung zur Mitgestaltung – das sei etwas völlig Neues und Ungewohntes. Ein ganz neuer Ansatz!” – Darauf aber auch sofort die Gegenthese eines anderen Sitzungsteilnehmers – These 2: “Das mit der Absonderung, das sei vielleicht früher mal so gewesen oder auch hier oder da in besonders engen Gemeinden noch so – generell aber seien Christen doch mittlerweile super gut integriert, würden überall dabei sein, überall mitmachen. Diese alten Abgrenzungen gäbe es doch gar nicht mehr – das Problem sei ein ganz anderes: Christen sind überall dabei – aber sie outen sich nicht mehr als Christen. Sie wüssten weder so richtig, wie das vernünftig zu machen sei, noch dass sie dazu überhaupt einen Auftrag hätten.”
Stimmt, stimmt alles irgendwie. Und noch viel mehr – die Diskussion muss dringend weitergehen. Denn das hat mich gestern als jemand, der hinter dieser INitiative steht, ganz stark gefreut: Da kam eine Diskussion in Gang, die so reich und vielfältig war, so viele wertvolle Ansätze zum Denken über Ursachen und Konsequenzen und Reparaturversuche zeigte, dass es einfach eine Freude war. Da kann richtig was passieren, wenn wir da auf die Suche gehen.
UND: Wenn wir dabei eins vor allem kapieren, dann kann dieses “Glaube am Montag” zum Startpunkt für wirkliche Veränderung werden. “Unsere Referenten, die wir zu diesem Thema eingeladen haben, waren ganz hilflos”, sagte einer der Teilnehmer. “Die wussten gar nicht, was sie sagen sollten. Glauben im Alltag – naja, das haben wir doch noch nie gemacht! Wir haben ja immer nur darüber geredet …” Drastische Worte – aber es ist viel dran. Und diese neue Initiative wird kein Erfolg, wenn wir ein ein paar Jahren nur gelernt haben, besser über den Alltags-Glauben zu reden – politisch korrekter und missionaler. Sondern: Wenn wir unsere Armut an Praxis erkennen, unsere Hilflosigkeit, in einer weitgehend a-religiösen Gesellschaft, Glauben zu leben. Von solch einem Wahrheits- und Realismus-Sprungbrett kann man starten und die Situation verbessern. Ich bin optimistisch. Ein paar Schritte vorwärts sind besser als gar nichts …
Stimmt These 1 oder 2? Oder eher noch die unbekannte These 3? Was auf jeden Fall stimmt: Es gibt ein großes Schisma, eine Trennung zwischen Glauben und Welt, Sonntag und Alltag. Und das biblische “in der Welt aber nicht von der Welt” spukt uns im Kopf herum – aber es ist so schwer, einen vernünftigen Griff an diese Aussage zu machen. Mitten in der Welt nicht von der Welt zu sein – das kann auf keinen Fall Rückzug bedeuten (dann wären wir nicht mehr mitten in der Welt – dort, wo uns Jesus bewusst hinstellt). Also mittendrin zu sein – und Jesus reinzubringen und ihn in uns leben zu lassen. Darum geht es. Und da müssen wir buchstabieren lernen …
Wie auch immer: Ich freue mich auf die Diskussion – und bin super dankbar, dass schon mehr als 100.000 unserer Sonderausgaben von AUFATMEN zum Thema verbreitet sind und hoch gelobt werden. Das Thema ist dran – danke für das Mitdenken!

7 Kommentare zu “Zwei Thesen, warum wir nicht gut sind”

  1. γνοθι σεαυτον 29 Dezember 2011 at 11:52 #

    diese gesellschaft ist überhaupt nicht a-religiös!! eher das gegenteil ist der fall. sie hat einfach keine klare dogmatik (die bibel ja eigentlich auch nicht). vielleicht wissen wir christen einfach nicht ob das evangelium für die anderen wirklich noch relevant ist. martin luther king war doch kein besserer mensch als gandhi…

  2. Michael 27 Dezember 2011 at 12:24 #

    “Glaube am Montag” ist wichtig. Ich lebe bereits viele Jahre im Glaube, auch am Montag! Aber bekommt das meine nicht-christliche Umwelt auch mit? Und wenn ja, was bekommen sie mit? Ich denke, dass aktives Christsein ein lebenslanger Lernprozess ist. Gut, wenn wir uns untereinander austauschen können, wie uns dieser “Glaube am Montag” gelingt bzw. gelingen kann.

  3. Nichtsowichtig 25 Dezember 2011 at 11:07 #

    These 4: “Glaube am Montag” ist eine typisch fromme Macher-Initiative – mit der wieder Christen terrorisiert werden, die ihren Glauben im Alltag längst leben: denn ihre Konturlosigkeit ist Ausdruck dessen, was sie glauben.

    Eine Riesenillusion, man müsse ihnen nur beibringen, anders zu handeln – dabei handeln sie eben längst entsprechend dem, wie (und was) sie glauben.

    Daß sie so handeln wie die Inhalte, an die sie glauben, stellt aber die viel, viel unbequemere Frage, was denn vielleicht an diesen Inhalten nicht stimmt.

    • Witzbold 3 Januar 2012 at 11:59 #

      Wenn sie zutrifft, ist diese Kritik natürlich das Ende der Initiative “Glaube am Montag”, zumindest in ihrer jetzigen Form.

      Deshalb kann sie nicht stimmen ;-)

  4. shasta-cor 22 Dezember 2011 at 22:32 #

    These 1: Wir sind als Christen so blass, so wenig salzig im Alltag, weil wir es jahrzehntelang gelernt haben, uns bewusst von der Welt abzusondern. Wir gehören nicht dazu, wir sind fromm, wir halten uns raus – das stecke immer noch tief drin. Da sei jetzt gerade auch mit der neuen Initiative ein riesiger Paradigmenwechsel thematisiert: Nicht mehr raus, sondern rein in die Welt!

    Hallo Ulrich Eggers,

    kann ich (leider) voll unterstreichen – bin deshalb sehr froh von euren Diskussionen zu lesen. Nebenbei: war das öffentlich? Wäre nämlich gerne dabei gewesen, denn Kassel ist für mich gerade um die Ecke.

    Ansonsten: frohe und gesegnete Festtage – obwohl: auch hier überlege ich mittlerweile wie dieser Paradigmenwechsel funktionieren kann. Wie kann ich authentisch frohe Weihnachten wünschen ohne gleich in der Sprache Kanaans zu reden!?

    LG

    s-c

    • ueggers 23 Dezember 2011 at 10:10 #

      Danke – der kleine Gottesdienst zum Start war öffentlich. Infos über Ideen und Termine zu Glaube am Montag kann man über den Newsletter auf der Homepage bekommen: http://www.glaube-am-montag.net – oder auch in der Facebook-Gruppe dazu.

  5. Dorothea 21 Dezember 2011 at 12:13 #

    Also… ich finde das ein bisschen merkwürdig. Glauben im Alltag ist eine logischen Konsequenz. Dass es nicht immer so gelingt, wie wir uns das wünschten, steht auf einem anderen Blatt. Aber dass es ganz einfach zum Glauben dazu gehört, ihn JEDEN Tag zu leben, war schon immer so. Glaube hat ganz und gar nicht nur mit dem Sonntag zu tun! Wenn ich in die Bibel hineinschaue, sehe ich da auch nichts anderes. “Glaube am Montag” ist also nichts völlig Neues, nie Dagewesenes.


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